
Rewilding’s social–ecological aims: Integrating coexistence into a rewilding continuum
Erscheinungsjahr: 31/12/2024 | Sprache: Englisch
Social Rewilding: Warum Natur und mentale Gesundheit zusammengehören
Als Social Rewilding wird nicht der Rückzug des Menschen in die Natur verstanden, sondern steht für ein Modell nachhaltiger Systeme und mentale Gesundheit durch Koexistenz. Die Studie zeigt unter anderem auf, dass nicht die Natur alleine zur Gesundheit beiträgt, sondern dass wir uns erst durch dieses Modell ihrem Erfolgsmuster annähern können, um künstlich erschaffene Wachstumssysteme zu hinterfragen und Lösungswege für eine gesündere Lebens- und Arbeitswelt zu finden. Zur Studie: https://doi.org/10.1007/s13280-024-02118-0
Wenn wir heute über Natur und mentale Gesundheit sprechen, denken viele an Erholung, Stressabbau oder Waldbaden. Doch aktuelle Forschung zeigt: Natur wirkt nicht nur auf uns – wir sind Teil eines viel größeren sozialen und ökologischen Systems. Die hier vorgestellte Studie untersucht das Konzept des Social Rewilding und erweitert es um eine entscheidende Perspektive: das bewusste Zusammenleben von Mensch und mehr-als-menschlicher Natur.
Rewilding wird dabei nicht als romantische Rückkehr zur „unberührten Wildnis“ verstanden, sondern als tiefgreifender Transformationsprozess, der ökologische, gesellschaftliche und kulturelle Ebenen miteinander verbindet. Besonders relevant für die mentale Gesundheit ist die Frage, wie dieses neue Naturverständnis unsere Beziehung zu Unsicherheit, Kontrolle und innerer Stabilität verändert.

Social Rewilding als sozial-ökologischer Transformationsprozess
Die Studie basiert auf einer umfassenden Grounded-Theory-Analyse: Befragt wurden international einflussreiche Rewilding-Pionier:innen sowie zentrale wissenschaftliche und praxisnahe Texte. Das Ergebnis ist ein dreidimensionales Modell, das Rewilding-Ziele auf drei Ebenen beschreibt:
- Sozial-ökologische Systeme (Landschaftsebene)
Social Rewilding zielt auf widerstandsfähige, sich selbst regulierende Systeme ab. Statt ständiger menschlicher Kontrolle geht es um Koexistenz, also das Aushalten natürlicher Prozesse wie Dynamik, Störung, Wachstum und Zerfall. Diese Haltung steht in starkem Kontrast zu unserer leistungs- und sicherheitsorientierten Gesellschaft – und ist genau deshalb psychologisch hochrelevant. - Ökologische Ebene
Zentrale Ziele sind:- Nicht-menschliche Autonomie (Natur darf „ihr eigenes Ding machen“)
- Ökologische Integrität (Funktion vor perfekter Ordnung)
- Biodiversität, Vernetzung und evolutionäres PotenzialFür die mentale Gesundheit bedeutet das: Weg von Kontrolle und Optimierung – hin zu Vertrauen in natürliche Selbstregulation. Ein Prinzip, das sich erstaunlich gut auf psychische Resilienz übertragen lässt.
- Sozio-kulturelle Ebene
Besonders spannend ist hier der Fokus auf den Menschen:- Förderung von Naturverbundenheit
- Entwicklung von Toleranz gegenüber Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit
- Stärkung von ökologischer Kompetenz und Wertepluralismus
- Positive Effekte auf Wohlbefinden und Sinnempfinden
Die Studie zeigt klar: Rewilding wirkt nicht nur auf Landschaften, sondern auch auf Haltungen, Identität und psychische Anpassungsfähigkeit.

Grafik: Die sozial-ökologischen Ziele der Renaturierung, dargestellt anhand der Landschaftsskala oder SES, ökologische und soziokulturelle Ziele der Renaturierung sowie Ergebnisse, die als positiv für diese Ziele identifiziert wurden.
Ein neues Kontinuum: Koexistenz statt Rückzug
Ein zentrales Ergebnis ist die Überarbeitung des klassischen Rewilding-Kontinuums. Statt eines linearen Rückzugs des Menschen schlägt die Studie ein Koexistenz-Kontinuum vor – von passivem Zulassen bis zu aktiv unterstützter, langfristig eingebetteter Naturdynamik. Das löst einen alten Widerspruch auf: Intervention und Autonomie schließen sich nicht aus, wenn sie kooperativ gedacht werden.
Diese Studie liefert weit mehr als eine ökologische Theorie. Sie beschreibt einen Paradigmenwechsel, der hochrelevant für mentale Gesundheit ist: Social Rewilding bedeutet, Kontrolle abzugeben, Unsicherheit zu akzeptieren und sich wieder als Teil eines lebendigen Systems zu erleben. Genau darin liegen zentrale Ressourcen für Resilienz, innere Stabilität und psychisches Wohlbefinden.
Für Menschen, die sich wissenschaftlich mit Natur und mentaler Gesundheit beschäftigen, zeigt die Arbeit eindrücklich: Heilung entsteht nicht nur durch Naturkontakt, sondern durch ein neues Verhältnis zur Welt – und zu uns selbst.
