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Claudia Sittner: Ein Sabbatical ist Prävention mit Perspektivwechsel

Claudia Sittner von Modern Sabbatical trägt eine pinkfarbene Jacke und lächelt in die Kamera. Sie steht draußen und hinter ihr erkennt man das Meer.

Drei Wochen All-inclusive und das Nervensystem ist wieder auf Werkseinstellung? Schön wär’s. In digitalen Arbeitswelten reicht ein klassischer Urlaub oft gerade, um vom Autopiloten in den Standby-Modus zu wechseln. Claudia Sittner, Gründerin von Modern Sabbatical, plädiert deshalb für eine radikalere Form der Regeneration: das Sabbatical.

Im Interview spricht sie über Auszeiten als Präventionsstrategie statt Reparaturmaßnahme, über Freiheit mit Nebenwirkungen – und darüber, warum man sich selbst auf jede Weltreise mitnimmt. Ein Gespräch mit Tiefgang, Praxisnähe und einer klaren Botschaft an Unternehmen: Die eigentliche Kostenfrage lautet nicht, ob Sabbaticals möglich sind, sondern was es kostet, dauerhaft erschöpfte Mitarbeitende zu halten.


Das Interview erschien am 20. Februar 2026 im nature intelligence-Magazin, das Open Source-Magazin für mentale Gesundheit in digitalen Arbeitswelten.

Magazin nature intelligence Mockup

Wer ist Claudia Sittner?

Claudia in einem Heißluftballon in Mexiko. Sonne leuchtet ihr Gesicht aus und hinter ihr fahren viele weitere Ballons in der Ferne.
Claudia in einem Heißluftballon (Mexiko), Foto: Modern Sabbatical

Mit Modern Sabbatical ist Claudia Sittner Sabbatical-Expertin & -Mentorin für alle, die sich eine Auszeit vom Job zum Reisen wünschen. In ihren eigenen Sabbaticals war sie zweimal jeweils ein Jahr auf Weltreise und hat inzwischen über 60 Länder bereist. Seit 2017 arbeitet sie inhaltlich zu den Themen Sabbaticals, nachhaltige Job-Auszeiten und Weltreisen.

Neben dem Mentoring steht sie Unternehmen zur Seite, die Sabbaticals als Instrument nutzen möchten, um Fachkräfte zu finden und binden sowie Burn-out und stiller Kündigung vorzubeugen.

Welche Bedürfnisse stecken, aus Deiner Sicht und Erfahrung, hinter einem Sabbatical-Wunsch?

Typische Bedürfnisse sind:

  • Erschöpfung in unterschiedlichen Schweregraden,
  • Suche nach einem Sinn,
  • Wunsch nach Freiheit oder Selbstwirksamkeit (Sichtwort Weltreise),
  • Abstand vom Dauer-Reagieren im digitalen Arbeitsmodus,
  • Wunsch nach Raum für tiefe Reflexion.

Wichtig ist, dass ein Sabbatical keine Flucht sein sollte. Da kann ich aus eigener Erfahrung sagen: Das funktioniert nicht. Denn du nimmst dich immer selbst mit. Deswegen mein Tipp: Wenn irgend möglich, vorher im eigenen Leben aufräumen, sowohl in psychischer (Probleme lösen, Beziehungen klären) als auch physischer Sicht (Wohnung, Finanzen usw.).

Wenn jemand schon mitten im Burn-out steckt, ist ein Sabbatical ebenfalls vermutlich nicht die richtige Antwort. Als Präventionsmaßnahme und um die Gesundheit zu erhalten, kann es allerdings wunderbar funktionieren. Denn seien wir mal ehrlich: Echte Regeneration braucht mehr als drei Wochen Urlaub am Stück. Das Nervensystem braucht echte Entlastung, kein All Inclusive auf Gran Canaria.

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Du hattest bislang zwei Auszeiten von jeweils einem Jahr gemacht. Was waren für Dich die Gründe dafür? Und wenn Du zurückblickst: Was konntest Du für Dich nach dem ersten und was nach dem zweiten Sabbatical mitnehmen?

Das individuelle Reisen habe ich erst recht spät entdeckt, da war ich 32. Bei meiner ersten Australien-Reise hat sich mir dann eine ganz neue Welt eröffnet. Danach habe ich versucht, jedes Jahr eine Fernreise zu machen, aber die Urlaubstage haben einfach nie gereicht. Seitdem habe ich immer so dahergesagt: Ich würde gern mal eine Weltreise machen. Und nie die tatsächliche Entscheidung dazu getroffen.

Die kam erst 5,5 Jahre später. Ich wollte einfach mehr von der Welt sehen und nicht immer wieder den langen Weg nach Hause antreten. Während der ersten Weltreise bin ich mit meinem damaligen Partner durch 20 Länder über 4 Kontinente gereist. Das ist ein irres Gefühl von Freiheit, wenn du ein ganzes Jahr hast.

Wir haben in Buenos Aires Spanisch gelernt, waren auf den Galapagos-Inseln mit Hammerhaien tauchen und haben in Neuseeland die legendäre Wanderung “Tongariro Alpine Crossing” zum Schicksalsberg aus “Der Herr der Ringe” gemacht. Aber die beste Zeit hatte ich in einem Campervan in West-Australien, wo wir 10.000 km von Perth bis Darwin durchs australische Outback zurückgelegt haben. Diese Weite werde ich nie vergessen.

Claudia Sittner: Gelassenheit in der Höhe von Modern Sabbatical
Claudia auf dem King Tower Mahanakhon Tower (Bangkok), Foto: Modern Sabbatical

Für die Reise haben wir damals den Reiseblog Weltreize gegründet. Durch das Bloggen habe ich mir etliche neue Skills und Technikkenntnisse angeeignet, die mir später im selben Unternehmen zu einem besseren Job verholfen haben.

Ansonsten war das Motto: Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es auch noch nicht das Ende (Oscar Wilde). Die Herausforderungen, die ich auf der Reise gemeistert habe, haben mir Vertrauen geschenkt, mehr Gelassenheit und die Gewissheit, dass die Menschen überall auf der Welt total hilfsbereit sind.

Außerdem habe ich viele Leidenschaften wiederentdeckt, die ich im Käfig des ständigen Funktionierens aus den Augen verloren hatte: Meine Liebe zum Schreiben oder Fotografieren, zum Beispiel. Die Weltreise hat mein Leben auf eine ganz neue Umlaufbahn katapultiert, könnte man sagen. Seit meiner Rückkehr habe ich mich deswegen immer gefragt: Warum machen das nicht viel mehr Menschen?! So entstand Modern Sabbatical.

Die zweite Weltreise 2019/2020 hat das Leben meine Karten komplett neu gemischt. Alles hat sich geändert: Beziehung, Job, Wohnung. Ich hatte eine unheimlich harte Zeit, die mich sehr gefordert hat. Deswegen und weil mir durch die Reisebeschränkungen der Pandemie wieder bewusst geworden ist, wie kostbar unsere Reise-Freiheit ist, hat sich bei mir der Wunsch aufgebaut, nochmal eine so große Reise zu machen.

Die startete im Mai 2023 in Athen, Griechenland. Elf andere, unglaubliche Länder folgten. Ich habe im Toten Meer gebadet, mir einen großen Traum erfüllt und bin mit einem Heißluftballon über die Pyramiden von Teotihuacan in Mexiko geflogen und in mein Lieblingsland Australien zurückgekehrt, was sich ein bisschen wie Nach-Hause-Kommen angefühlt hat. Auf der anderen Seite war ich in den ersten Monaten der Reise viel krank und hatte ordentlich emotionalen Ballast im Gepäck, der sich unaufhaltsam Gehör verschafft hat. Ich war diesmal also viel mehr mit mir selbst beschäftigt, was oft herausfordernd war.

Claudia auf dem Tree Top Wald, Gardens by the Bay in Singapur.
Claudia auf dem Tree Top Wald, Gardens by the Bay (Singapur), Foto: Modern Sabbatical

Dadurch habe ich aber auch viele Mechanismen kennengelernt, um mir selbst zu helfen: Meditieren, Journalling, das Schwimmen hat mir sehr geholfen, der Kontakt zu meinen Freund:innen. Da ich mit meinem neuen Partner unterwegs war, der Europa bis dahin noch nie verlassen hatte, musste ich lernen, auf engem Raum und manchmal bei knappem Zeitplan, Räume für mich zu finden.

Du merkst schon: Auch wenn acht Länder auf beiden Reisen gleich waren, waren es zwei komplett unterschiedliche Weltreisen. Jede auf ihre Art sehr bereichernd. Ich würde sagen, beim ersten Mal bin ich in die Ferne im Außen gegangen, beim zweiten Mal in die Tiefe in mir. Eine Weltreise ist eben immer auch eine Wundertüte 🙂

Nasenaffen im Bako Nationalpark in Borneo
Nasenaffen im Bako Nationalpark (Borneo), Foto: Modern Sabbatical

Worin liegt für Dich der Unterschied zwischen klassischem Urlaub und Sabbatical? Was bewirkt das eine und was das andere, beispielsweise in Bezug auf Leistungsfähigkeit, im Lebens- und Arbeitsalltag?

Offensichtlich unterscheiden sie sich in der Dauer: Der klassische Urlaub ist zeitlich begrenzt, meist auf ca. 6 Wochen pro Jahr. Ein Sabbatical fängt für mich da an, wo der reguläre Jahresurlaub aufhört. Bei ca. 2-3 Monaten freier Zeit würde ich von einem Mikro-Sabbatical oder einer Mikro-Rente (Gen Z) sprechen.

Auf der anderen Seite unterscheiden sich die beiden in ihrer Funktion: Der Jahresurlaub dient vor allem dazu, die Arbeitskraft zu erhalten. Wir alle kennen das: Die erste Urlaubswoche braucht man allein dazu, um Abstand zu gewinnen und runterzukommen. Die Erholung fängt erst danach an. Damit kann der Mensch weiterhin für unser System funktionieren und dorthin zurückkehren. Erholungsurlaub ist oft auch eher konsumorientiert.

Klassischer Urlaub erholt den Körper. Ein Sabbatical kann auch die eigenen Denk- und Handlungsmuster verändern.

Claudia Sittner

Ein Sabbatical eröffnet dir eine andere Dimension. Du kannst aus dem Käfig des Funktionierens aussteigen und dich tief regenerieren. Es bietet dir einen Perspektivwechsel, nicht nur, wenn du auf Reisen gehst. Dein Nervensystem kann mal richtig runterfahren. Du kannst dich fragen: Bin ich gerade am richtigen Ort? Welche Dinge machen mir eigentlich wirklich Freude? So kannst du dein Leben neu bewerten, Ergebnis: offen.

Manche kehren glücklich und dankbar zurück in ihr altes Leben, weil sie vorher schon zufrieden und im Gleichgewicht waren. Anderen fällt es schwer, den Weg zurückzufinden.

Insgesamt lässt sich jedoch sagen, dass Menschen nach einem Sabbatical oft klarer zurückkehren. Sie sind langfristig produktiver, anstatt kurzfristig weiter zu funktionieren. Sie kommen mit einem Koffer voller neuer Skills zurück, vor allem auch die am Arbeitsmarkt so gefragten Softskills wie Selbstführung, Projektmanagement oder Organisationstalent. Aus der Erfahrung dieser neuen Freiheit entsteht auch oft ein gesünderer Umgang mit der eigenen Energie.

Zugespitzt würde ich es so formulieren: Klassischer Urlaub erholt den Körper. Ein Sabbatical kann auch die eigenen Denk- und Handlungsmuster verändern.

Vorsicht Pinguine! Claudia in Oamaru auf Neuseeland
Vorsicht Pinguine! Claudia in Oamaru (Neuseeland), Foto: Modern Sabbatical

Welche Lösungs- und Umsetzungsschritte können am Anfang für Angestellte und welche für Organisationen sein, die ihren Mitarbeitenden Sabbaticals ermöglichen möchten?

Pauschal lässt sich das schwer beantworten. Es kommt auf die jeweilige Lebenssituation oder zum Beispiel die Größe des Unternehmens an. Im Mentoring bzw. in der Beratung gehe ich das im Einzelnen durch. Ein paar grundsätzliche Schritte gibt es natürlich schon.

Für Angestellte:

  • Frühwarnzeichen ernst nehmen und eine Energie-Bilanz machen: Möchtest du wirklich ein Sabbatical oder sind eine Kur oder andere präventive Gesundheitsmaßnahmen sinnvoller?
  • Falls du sicher bist, dass du ein Sabbatical möchtest: Recherchiere, was es in deinem Unternehmen bereits gibt. Dafür gibt es unterschiedliche Anlaufstellen.
  • Vorbereitung für das Gespräch mit der Führungskraft: Klär für dich sauber die W-Fragen, damit du im Gespräch klar rüberkommt und nicht rumeierst. Was? Wann? Wie lange? Wie? Warum?

Wer sich gerade konkret dafür interessiert, kann sich sehr gern in meinen Abenteuer-Auszeit-Newsletter modernsabbatical.de/newsletter eintragen. Als Geschenk bekommst du ein Dokument mit neun Schritten, wie du sofort für deine Auszeit vom Job loslegen kannst.

Für Organisationen:

  • Ein Sabbatical ist im ersten Schritt ein Instrument, um meine Mitarbeitenden zu binden (Rentention-Instrument). Deswegen ist es eine gute Idee, diese erstmal zu fragen, welche Art von Sabbaticals sie sich wünschen. Dabei unterstütze ich gern beratend oder durch Vorträge und Workshops.
  • Im zweiten Schritt gilt es, das Fundament zu legen und sich für ein bis zwei Sabbatical-Modelle zu entscheiden, die gut zum Unternehmen passen.
  • Klare Richtlinien festlegen: Wer darf wann wie lange eine Auszeit nehmen? So werden Entscheidungen transparent und niemand hat den Eindruck, dass aufgrund von persönlichen Sympathien entschieden wurde.
  • In Medias Res: Jetzt startet die Erprobungsphase. Es gilt, Erfahrungen zu sammeln und zu testen, was funktioniert (und was nicht).

Das sind jeweils die ersten Schritte, wenn man sich als Mitarbeiter:in oder als Unternehmen an Sabbaticals rantrauen möchte. In beiden Fällen unterstütze ich bei Bedarf gerne.

In Bezug auf Burn-outs sind Sabbaticals eine gute Präventionsmaßnahme und eine echte Alternative zu innerer Kündigung. Als Unternehmen sendet man dadurch das Signal: Wir vertrauen dir, und stärkt damit die Bindung.

Welchen Impuls möchtest Du noch mitgeben?

Für Unternehmen: Provokant formuliert, würde ich sagen: Die Frage ist nicht, ob sich Unternehmen Sabbaticals leisten können. Die Frage ist, ob sie es sich leisten können, sie nicht zu ermöglichen. Denn:

  • Prävention statt Reparatur: Ausfälle durch Burn-outs können sich über Monate, wenn nicht Jahre erstrecken und dadurch ganze Teams beeinträchtigen. Von Quiet Quitting mal ganz zu schweigen.
  • Fachkräftemangel: durch das ernst-gemeinte und transparent kommunizierte Angebot von Sabbaticals wird ein Unternehmen automatisch attraktiv. Hochqualifizierte wechseln heutzutage nicht mehr für einen Dienstwagen oder mehr Geld. Auf der anderen Seite erwarten viele, dass Unternehmen auf ihre Wünsche zur individuellen Lebensgestaltung eingehen. Lebensläufe und -entwürfe sind heute viel diverser als noch vor 30 Jahren.
  • Der Joker: Wer das Ja vom Unternehmen und damit Sicherheit für ihr:sein Sabbatical bekommt, kehrt oft motivierter zurück und identifiziert sich stärker mit dem Unternehmen.
Plaza de la Revolucion in Havanna
Plaza de la Revolucion (Havanna), Foto: Modern Sabbatical
Claudia Sittner mit Roadsign an der Nullarbor in Australien
Roadsign an der Nullarbor (Australien), Foto: Modern Sabbatical
Claudia auf dem Tongariro Alpine Crossing auf Neuseeland
Roadsign an der Nullarbor (Australien), Foto: Modern Sabbatical

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