Manche Interviews bleiben länger hängen – dieses gehört in jedem Fall dazu. Im Gespräch mit Unternehmerin Maren Martschenko geht es nicht um Business-Hacks oder Wachstum um jeden Preis, sondern um etwas viel Grundsätzlicheres: die Frage, wie Arbeit gesund machen kann, statt krank. Maren spricht offen über Depression, Selbstständigkeit jenseits des Hamsterrads, zyklisches Arbeiten, Slow Growing und darüber, warum ein Wald das bessere Business-Vorbild ist als jede Management-Methode. Ein kluges, ehrliches und wohltuend unaufgeregtes Interview über Wirkung statt Zeitverkauf, Schneckenpower, Selbstwirksamkeit – und die Erlaubnis, das eigene Business dem Leben anzupassen, nicht umgekehrt.
Das Interview erschien am 20. Februar 2026 im nature intelligence-Magazin, das kostenfreie Open Source-Magazin für mentale Gesundheit in digitalen Arbeitswelten.
Wer ist Maren Martschenko?

Ich bin Unternehmerin, Beraterin, Autorin und Digitalunternehmerin.
In meiner Arbeit begleite ich vor allem Selbständige und kleine Unternehmen dabei, ihr Business so zu gestalten, dass es zu ihrem Leben passt, nicht umgekehrt. Mich interessiert weniger das „höher, schneller, weiter“ als die Frage: Was ist das Wesentliche und das Wirksame? Denn für alles andere haben wir weder Zeit noch Geld oder Nerven.
Meine eigene Erfahrung mit Depression hat meine Perspektive stark geprägt. Sie hat mir gezeigt, dass Arbeit nicht krank machen muss, sondern dass die Art, wie wir sie gestalten, entscheidend ist.
Ich bin auch froh, dass ich selbstständig bin und große Freiheitsgrade habe, wie ich meine Arbeit gestalte. Das empfehle ich ohnehin allen Unternehmer:innen: Gesundes Wachstum lebt von gesunder Unternehmensführung. Diese ist ein Langzeitprojekt, kein Sprint.
Maren findest Du hier: https://marenmartschenko.de
In einem LinkedIn-Beitrag schreibst Du, dass Arbeit auf Deine Gesundheit positiv einzahlt. Wann könnte Arbeit aus Deiner Perspektive sogar gesund machen?
Arbeit kann dann gesund machen, wenn sie sinnhaft, rhythmisch und selbstwirksam ist.
Für mich heißt das:
- Ich habe Einfluss auf Tempo, Umfang und Inhalt meiner Arbeit.
- Ich erlebe, dass ich mit meinem Tun etwas für bzw. bei anderen bewirke. Das muss gar nichts großes sein.
- Meine Arbeit ist eingebettet in einen Alltag, der Raum lässt für Schlaf, Bewegung in der Natur, gesunde Ernährung und Beziehung.
In einer schwierigen Phase meiner Depression war es für meinen Selbstwert enorm wichtig, nicht komplett „raus“ zu sein. Wenige Stunden am Tag arbeiten zu können, in meinem eigenen Rhythmus, mit Menschen, die meine Situation respektieren – das war extrem hilfreich. Denn eigentlich kann Depression allein schon ein Fulltime-Job sein.
Worauf achtest Du bei Deiner Selbständigkeit, um nicht ins Hamsterrad zu geraten?
Ich denke mein Business zyklisch statt linear. Das heißt: Ich unterteile mein Geschäftsjahr in vier Zyklen, die sich nicht nach den Kalenderquartalen richten, sondern eher am Rhythmus in meinem Business. Jeder Zyklus hat eine bestimmte Qualität. Deshalb habe ich nie den Jahresendstress vor Weihnachten und lande nicht mehr atemlos unterm Weihnachtsbaum wie früher als ich noch angestellt war. Ich schließe entspannt mein Jahr im Januar ab. Dafür ist im Sommer viel Energie und Bewegung drin.
Meine Arbeitstage unterteile ich bewusst in Phasen von Fokus und Phasen von Regeneration. Pausen zum Malen, Radeln oder Wandern sowie wöchentliche Reflexion sind ein wichtiger Bestandteil meiner Produktivität.
Ich baue Angebote so, dass sie nicht nur Umsatz bringen, sondern mir auch Energie geben. Fun fact: Kundentermine zeigt meine Smart Watch als blaue Phasen an. Die stehen für stressfreie Aktivität.
Ich habe mein Geschäftsmodell so aufgebaut, dass nicht jede Stunde direkt an meine körperliche Präsenz gebunden ist. Das nimmt Druck raus und verhindert dieses Gefühl von: »Wenn ich stehen bleibe, bricht alles zusammen.«
Und ich frage mich regelmäßig: »Does it spark joy?« Ich übertrage diese Frage von Aufräum-Expertin Marie Kondo auf alle meine To-dos, Beziehungen und Begegnungen. 80 % sollten unbedingt Freude bereiten. Alles andere ist ungesund.
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Auch mal krank sein zu „dürfen“, ist für Dich nicht gleich mit existenziellen Konsequenzen verbunden. Dafür hast Du aktiv gesorgt. Wie sieht das dahinterstehende Geschäftsmodell aus, um nicht „selbst-und-ständig“ zu sein?
Wichtig ist mir dabei:
– Ich verkaufe keine „Zeit“, sondern Wirkung.
– Ich baue Systeme, die mich entlasten anstatt mich rund um die Uhr zu beschäftigen.
– Ich erlaube mir, mein Business immer wieder an meine Lebensrealität anzupassen.
Konkret kombiniere ich verschiedene Ebenen in meinem Geschäftsmodell: Ich habe neben individueller Beratung auch ein skalierbares Unternehmen aufgebaut. Im Magnetprodukt-Club, Deutschlands erster Lernplattform für Solopreneur:innen gibt es digitale Inhalte und eine Community, die sich gegenseitig stärkt. Dadurch entsteht Einkommen nicht nur durch einzelne Arbeitsstunden, sondern auch durch Strukturen, die weiterlaufen, wenn ich selbst langsamer machen muss.
Ich halte es ohnehin für gesünder, wenn Unternehmen langsam wachsen. Für den Magnetprodukt-Club habe ich das „Slow Growing Manifesto“ mit elf Thesen für gesundes Wachstum geschrieben. Eines unserer Maskottchen ist die Schnecke Tilda, die einlädt, mit #Schneckenpower zu arbeiten.
Für mich ist das eine Form von ökonomischer Selbstfürsorge: Nicht maximal auszubeuten, was ich an guten Tagen leisten könnte, sondern nachhaltig zu gestalten, so dass mich mein Business auch an schlechten Tagen tragen kann.
Wenn Du Dir ein Symbol aus der Natur heraussuchen könntest: Welches wäre für Dich ein gutes Role Model – und warum?
Ich würde mir den Wald als Role Model wählen. Ich zitiere in dem Zusammenhang gerne Rilke und sage, dass auch ein Business wie ein Baum in Ringen wächst.
Ein Wald wächst nicht gleichmäßig. Man sieht es gut, wenn man einen Baumstamm aufschneidet: Es gibt Phasen von Wachstum, von Rückzug, von Zersetzung und Neubeginn.
Was mich daran fasziniert: Der Wald funktioniert nicht nach der Devise Höher-schneller-weiter, sondern durch systematisches Zusammenspiel und Kreisläufe.
Genau das wünsche ich mir auch für Arbeit: weniger Maschinenlogik, mehr Ökosystem-Denken. Das Management-Denken abgeleitet aus dem Militärkontext scheint mir unlogisch. Als Unternehmen sind wir nicht im Krieg, sondern wollen langfristig Vertrauen und gute Beziehungen zu unseren Kund:innen, Geschäftspartner:innen und Lieferanten aufbauen.
Schon Albert Einstein sagte: „Schauen Sie tief in die Natur und dann werden Sie alles besser verstehen.“
Welchen Impuls möchtest Du Selbständigen gerne mitgeben?
Mein Impuls an Selbständige ist: Gestaltet euer Business so, dass es euch trägt; nicht so, dass ihr euch dafür verbiegen müsst. Baut euch ein System, das auch funktioniert, wenn ihr mal nicht gesund oder schnell verfügbar seid. Fragt euch nicht nur, wie ihr mehr schaffen könnt, sondern auch: Was gibt mir Energie? Was passt zu meinem Rhythmus? Wo darf ich langsamer werden? Gesundes Unternehmertum heißt für mich nicht, immer mehr zu verdienen, sondern stimmiger zu werden. Selbstständigkeit ist ein lebendiges System, das in Phasen wächst, mit Pausen und mit Veränderung. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Reife. Lerne das Plateau zu lieben.

