Jonathan Klotz ist Partner der Kangoolutions GmbH, 36 Jahre, gelernter IT-System-
Kaufmann und heute Experte für SAP-Beratung in der Energiewirtschaft.
Mentale Gesundheit in einem Beratungsunternehmen? Klingt erstmal noch nach „nice to have“. Gleichzeitig arbeiten Teams bereits heute unter psychischer Dauerlast: Deadlines, Transformationsprojekte, Remote-Alltag und permanenter Veränderungsdruck gehören gerade in der IT- und Beratungsbranche längst zum Normalzustand. Jonathan Klotz, Partner der Kangoolutions GmbH, kennt diese Dynamiken aus dem Beratungsalltag. Im Interview spricht er
darüber, warum mentale Gesundheit noch immer ein Tabuthema ist, weshalb Benefits allein keine gesunde Arbeitskultur schaffen und warum Führungskräfte Verantwortung nicht an Plattformen
delegieren können.
Dies ist ein Interview über moderne Arbeitskultur, psychische Belastung in der Beratung und wie das Unternehmen Lösungen schafft, um ihre Mitarbeitenden einen wertschätzend-gesunden
Arbeitsraum zu bieten.
Dieses Interview erschien am 20. Mai 2026 in der 2. Ausgabe des nature intelligence-Magazin. Fokusthema: Veränderung
Wer ist Jonathan Klotz?

Ich bin Jonathan, 36 Jahre, geboren und aufgewachsen in Leipzig. Nach meiner Ausbildung zum IT-System-Kaufmann startete 2009 meine Karriere in der Beratung — damals als Junior Consultant mit dem Schwerpunkt auf individueller Softwareentwicklung für Kunden aus der Energiewirtschaft. Knapp ein Jahr später wechselte ich dann den Schwerpunkt in den Bereich SAP. Diesen habe ich bis heute nicht verlassen. Was mich hält? Die Kombination aus technischer Tiefe und dem täglichen Umgang mit Menschen. Beratung ist immer beides: Lösung und Beziehung. Ich habe einen Job gefunden, der sich für mich nicht wie Arbeit anfühlt — und schätzungsweise bin ich genau deswegen schon seit so vielen Jahren in diesem Bereich tätig. Das Wichtigste in der täglichen Arbeit und unserer Firma sind mir unsere Mitarbeitenden und die Kunden.
Du bist einer der Partner bei der Kangoolutions GmbH und die Gesundheit der Mitarbeitenden ist dir ein Anliegen. Wie schafft Ihr als gesundes Unternehmen intern die Rahmenbedingungen?
Vielleicht vorab zur Einordnung: Unser Geschäftsmodell basiert darauf, dass wir unsere Kunden in der Energiewirtschaft und anderen Branchen bei verschiedenen SAP-Technologie-Aufgabenstellungen unterstützen. Dafür setzen wir passgenau unsere Mitarbeitenden mit den benötigten Erfahrungen in den Projekten ein. Damit ist klar, dass unsere Mitarbeitenden (genauso wie unsere Kunden) für uns ein entscheidender Faktor sind.
Als remote-only Company ist das eine echte Herausforderung, weshalb wir uns bereits in der Gründungsphase, noch bevor die ersten Mitarbeitenden an Bord waren, damit auseinandergesetzt haben. Als wir die ersten Benefits zusammengestellt haben, stand auch der Klassiker auf der Liste: ein Sport-Abo. Wir übernehmen konkret die M-Mitgliedschaft von Urban Sports Club für alle interessierten Mitarbeitenden. Damit sorgen wir für eine gesunde Physis. Aber was ist mit der mentalen Gesundheit? Dafür hatten wir zunächst keine zufriedenstellende Antwort. Bzw. das Thema erst gar nicht auf dem Schirm. Nach einiger Zeit brachte einer meiner Partner-Kollegen die Idee, eine Plattform einzuführen, die sich gezielt um die mentale Gesundheit von Mitarbeitenden kümmert. So sind wir zu nilo gekommen.
Die Benefits sind das eine, sie schaffen einen passenden Rahmen. Das andere ist die Haltung unserer Führungskräfte. Diese haben bei uns eine starke Verantwortung gegenüber ihren Teams. Das bedeutet konkret: Stunden, Projektbelastung, interne Themen und den Gesamtworkload aktiv im Blick zu halten und darauf zu reagieren, bevor es zu viel wird. Das setzt voraus, dass unsere Führungskräfte diese Fähigkeiten entwickeln und sie auch wirklich einsetzen — nicht nur im Jahresgespräch. Auch hier hilft nilo und der allgemeine Rahmen, welchen wir bei Kangoolutions setzen.
Für uns ist es sehr relevant, dass das Verhalten der Führungskräfte und vor allem die gelebte Kultur in den Fokus rückt. Das ist mehr als die einfache Unterstützung durch eine Plattform, da man das Thema nicht nur outsourcen kann. Ohne eine gesunde Arbeitskultur laufen die Leute Gefahr, trotzdem durchzubrennen.
Welche Motivation hatte Kangoolutions, als sie sich für die Einführung einer Plattformlösung zur Förderung von mentaler Gesundheit entschieden hat und welche Effekte erzielt ihr für eure Mitarbeitenden, bei Bewerber:innen und dem Unternehmen damit?
Unser Job bedeutet weniger physische, dafür umso mehr psychische Belastung. Projekte, Deadlines, Kunden, Reisen, Remote-Alltag etc. Das summiert sich. Um unseren Mitarbeitenden die Möglichkeit zu geben, auch mit jemandem außerhalb des direkten Arbeits- und Projektalltages zu sprechen, haben wir uns für nilo entschieden. Die Plattform bietet verschiedene Formate: Round-Tables, Vorträge, exklusive Podcasts, Meditationsübungen — bis hin zu 1:1-Gesprächen mit zertifizierten Psychologinnen und Psychologen, zehn davon pro Jahr. Und es geht nicht nur um klassische Themen der mentalen Gesundheit: nilo hilft auch bei Zeitmanagement, Priorisierung, Kommunikation und anderen Soft Skills, die im Beratungsalltag täglich gefragt sind.
Dazu kommt, dass Probleme im privaten Kontext ebenfalls bei nilo adressiert werden können. Denn private Herausforderungen haben natürlich direkten Einfluss auf die Arbeitsleistung.
Was Kennzahlen angeht: Wir sehen als Administratoren nur, wie viele Mitarbeitende angemeldet sind und wie viele die Plattform aktiv nutzen. Mehr Details können wir nicht entnehmen. Eine belastbare Aussage zu konkreten Effekten auf Einzelpersonen ist dadurch schwer zu treffen.
Was ich aber sagen kann: nilo ist ein fester Bestandteil unserer Unternehmenskultur geworden. Man hört regelmäßig Aussagen wie „schau doch mal bei nilo vorbei“ oder „ich habe dazu letztens bei nilo einen interessanten Vortrag gehört“. Das zeigt mir, dass die Mitarbeitenden die Plattform nicht als Pflichtprogramm sehen, sondern aktiv für sich nutzen. Bewerber:innen sind von diesem Benefit immer sehr begeistert. Ob das schlussendlich bei jedem ein Entscheidungskriterium ist, würde ich nicht sagen. Aber es gehört einfach zu einem sehr guten Gesamtpaket, welches wir den Leuten anbieten.
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Du meintest, dass du noch wenige Unternehmen kennst, die sich um die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeitenden bemühen. Woran
könnte dies deiner Meinung nach liegen?
Ich glaube, da spielen drei wichtige Punkte zusammen. Zum einen ist mentale Gesundheit in vielen Unternehmenskulturen immer noch ein Tabuthema — besonders in technischen und beratungsaffinen Branchen, wo Leistung und Belastbarkeit traditionell hoch bewertet werden. Schwäche zu zeigen, gilt schnell als unprofessionell. Das ist eine Kultur, die sich nicht über Nacht ändert.
Zum anderen ist der ROI schwer zu messen. Wer nicht unmittelbar sieht, was ein Investment in mentale Gesundheit bringt, investiert lieber in etwas mit klarerem Zähler und Nenner.
Auch ein typisches Denk-/Entscheidungsmuster in der Beratungsbranche. Dabei übersieht man, was ein längerer Ausfall (wie bspw. Burnout ) oder eine hohe Fluktuation wirklich kostet — nicht nur finanziell, sondern auch in Sachen Projektkontinuität, Wissen, Team- und Kundendynamik.
Hier schließt sich für mich wieder der Kreis vom Anfang unseres Gespräches: „Das Wichtigste in der täglichen Arbeit und unserer Firma sind mir unsere Mitarbeitenden und die Kunden.“ Anschließend: Es gibt (ich spreche jetzt bewusst für die Beratung) extrem viel zu tun. Ich mache den Job seit mehr als 16 Jahren. So viele verschiedene und v.a. komplexe Fragestellungen hat unsere Branche bisher noch nicht umgetrieben. Das führt aus meiner Sicht zu einer gewissen Überforderung: Viele Unternehmen wissen nicht, welche Themen relevant sind. Im Zweifel handelt man eher opportunistisch im
Sinne eines neuen Projektes/Auftrages. Die Thematik, die wir hier gerade besprechen fühlt sich damit für viele „abstrakt“ und eventuell zu groß an, und solange es keinen konkreten Auslöser gibt (keinen Mitarbeitenden, der ausfällt) passiert oft nichts. Das ist schade, denn Prävention ist immer günstiger als Schadensbegrenzung.
Die Thematik, die wir hier gerade besprechen fühlt sich für viele „abstrakt“ und eventuell zu groß an, und solange es keinen konkreten Auslöser gibt (keinen Mitarbeitenden, der ausfällt) passiert oft nichts. Das ist schade, denn Prävention ist immer günstiger als Schadensbegrenzung.
Jonathan KLotz
Wie schätzt Du als Unternehmer die Entwicklung ein, die die Prävention mentaler Gesundheit, in der IT-Branche und speziell in der Beratung, zukünftig einnimmt?
Ich bin überzeugt, dass mentale Gesundheit in den nächsten Jahren vom Differenzierungsmerkmal zum Standard wird — ähnlich wie es beim Thema flexibles Arbeiten passiert ist. Wer heute noch kein Angebot hat wird es zunehmend schwerer haben, gute Leute zu gewinnen und zu halten.
Der Fachkräftemangel beschleunigt das. Kandidatinnen und Kandidaten (besonders die jüngere Generation) stellen andere Fragen als früher. Das merken wir stark bei unseren Mitarbeitenden, aber auch bei neuen Bewerber:innen. Gehalt steht nicht allein im Fokus. Sondern auch: wie ist die Dynamik im Team, wie geht man mit Menschen um, wie sichert ihr Zusammenhalt ab, wie sieht euer Alltag wirklich aus, was wenn es mal nicht läuft? Diese Fragen sollte jedes Unternehmen ehrlich beantworten können.
In der Beratung speziell sehe ich das als besonders dringlich. Die Belastung in großen Transformationsprojekten ist real. Diese Art von Projekten haben eine Laufzeit von teilweise mehreren Jahren und bringen keinen 100 %tig fertigen Plan mit sich, der einfach abzuarbeiten ist. Dies war früher der Fall, mittlerweile muss man sich viel selbst erarbeiten, um neue Erkenntnisse zu schaffen. Wer das als Unternehmen ignoriert, zahlt den Preis früher oder später.
Was möchtest du anderen Unternehmer:innen und Arbeitgebern noch mitgeben?
Nicht auf den Einschlag warten. Viele Unternehmen reagieren erst, wenn ein Mitarbeitender ausfällt oder kündigt. Dann ist es in der Regel zu spät. Zumindest für diese Person und damit dann auch in einer gewissen Weise für das Team. Zumindest schwingt dieser Moment immer im Hinterkopf mit. Man muss nicht mit einem großen Programm starten. Aber Unternehmen müssen anfangen. Eine Plattform wie nilo ist ein konkreter, bezahlbarer erster Schritt. Wichtiger als jedes Tool ist jedoch die Haltung der Führungskräfte. Kein Benefit der Welt wirkt, wenn es nicht in eine passende Kultur eingebettet ist.


